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Diese Webseite widmet sich der kulturanthropologischen Reflektion auf Sinn & Sinnlichkeit der Jagd im gegenwärtigen Deutschland, kurz: auf die Kultur der Jagd. Dabei geht es weniger um die Historie bestimmter Jagdtraditionen, die gesamtgesellschaftliche Bedeutung der Jagd oder um ihre ökologische Funktion für biologische Lebensräume. Es geht darum zu beschreiben und zu reflektieren, wie und warum Jäger jagen gehen; welchen Sinn sie in der Jagd sehen; welche Erfahrungen sie dabei machen und zu welchen Erlebnissen sie führt; worin die Leidenschaft und Lust zur Jagd liegt; wie es sich anfühlt zur Jagd zu gehen und Jäger zu sein.

Sicherlich erklärt sich der Sinn der Jagd für den einzelnen Jäger oft durch biographische Bezüge, z.B. als Familientradition, als Gegenwelt zur alltäglichen Arbeit oder als Flucht vor den negativ empfundenen Auswirkungen des modernen Lebens. In den Medien und in Diskussionen in und mit der Öffentlichkeit gestaltet sich der Sinn der Jagd dagegen meist als Rechtfertigung, mit der die Mehrheitsgesellschaft logisch und moralisch vom Nutzen der Jagd überzeugt werden muss.

Doch vor all dem, so die Grundannahme meiner Arbeit, steht eine seelisch-körperlich-sinnliche Begegnung des Jägers mit einem Tier, in dessen ‚lebendiger Umwelt‘ und es ist diese – schwer in Worte zu fassende, dennoch bewegende und berührende – sinnliche Erfahrung, die der Jagd für die Jäger einen Ur-Sinn gibt, auf den sie sich immer wieder zurückbeziehen, wenn die Jagd in anderen Situationen zur Sprache kommt. Diese unmittelbaren Jagderfahrungen während der Jagdausübung sind schwer zu greifen, da sie voller Ambiguität sind, gekennzeichnet von einer ‚Unruhe im Gewissen im Angesicht des Todes‘, einer ‚unklaren Situation‘, einem ‚Gefühl der Unsicherheit‘ und schließlich in dem ‚zweideutigen Charakter der Beziehung zu den Tieren‘. Die Jagdpraxis vereint somit das ‚Rätsel des Todes‘ mit dem ‚Rätsel des Tieres‘ (Ortega y Gasset). Und sich diesen Rätseln anzunähern ist Sinn und Zweck dieses Blogs.

Dr. Thorsten Gieser ist Kulturanthropologe am Institut für Kulturwissenschaft der Universität Koblenz-Landau und Jäger im Raum Koblenz. Er beschäftigt sich mit Mensch-Natur-Verhältnissen und Mensch-Tier-Beziehungen in verschiedenen Kulturen und Gesellschaften.

Wenn diese ursprünglichen Jagderfahrungen allerdings wirklich so schwer in Worte zu fassen sind, so stellt das jeden Wissenschaftler vor eine große Herausforderung: Wie bekomme ich Zugang dazu? Kann ich Jäger einfach dazu befragen? Soll ich vielleicht Jagdliteratur oder die Jagdmedien daraufhin analysieren? Die Kulturanthropologie hat seit je her eine alternative Antwort auf dieses Problem gehabt: wir wollen verstehen, in dem wir teilnehmend beobachten. Beobachtungen und Reflektionen aus der scheinbar objektiven Distanz geben uns Perspektiven eines Außenstehenden. Die Innenperspektive dagegen erschließen wir uns nur dadurch, dass wir selbst – am eigenen Leib, mit den eigenen Sinnen – mitgemacht und miterlebt haben. Dadurch entsteht ein gemeinsam geteilter Erfahrungsgrund, der die Grundlage des Verstehens sein kann. Ich als Kulturanthropologe muss mich ganz einbringen im Sinne einer sinnlichen Gelehrsamkeit (sensuous scholarship), einer sinnlichen Lehre (sensory apprenticeship), in der ich selbst lerne, Jäger zu werden, Jäger zu sein.

Seit Winter 2014 lerne ich das Waidwerk. Im Frühjahr 2016 legte ich meine Jägerprüfung ab. Seit Mai 2016 gehe ich selbst zur Jagd…


This website is dedicated to the anthropological reflection on the senses and sensibilities of hunting in contemporary Germany, in short: on ‚hunting culture‘. It is not so much about the history of certain hunting traditions, the importance of hunting for society as a whole or its ecological function for wildlife management regimes. It is about describing and reflecting on how and why hunters go hunting; what hunting might mean for them; what hunting experiences they make; how hunting might be a passion and pleasure; how it feels to go hunting and be a hunter.

Certainly, the meaning of hunting for the individual hunter is often explained by biographical references, e. g. as a family tradition, as a counterworld to everyday work or as an escape from the negative effects of modern life. Yet in the media and in public debates, hunters tend to justify their practice to an overall critical majority society by refering to accepted scientific explanations of the ecological functions of hunting.

But all this, according to the basic assumption of my work, is preceded by an embodied-sensual encounter of the hunter with an animal, in its‘ living environment‘ and it is this sensual experience – which is difficult to grasp in words, yet moving and touching – which gives the hunters a primordial sense, to which they refer again and again when hunting is discussed in other situations. These original hunting experiences during hunting are difficult to grasp as they are full of ambiguity, characterized by‘ restlessness of conscience in the face of death‘, an ‚unclear situation‘, a‘ feeling of insecurity‘ and finally in the‘ ambiguous character of the relationship with the animals‘. The hunting practice thus combines the‘ mystery of death‘ with the‘ mystery of the animal‘ (Ortega y Gasset). And to approach these puzzles is the purpose of this research and this website.

Dr. Thorsten Gieser is an anthropologist at the Department of Cultural Studies at the University of Koblenz-Landau and a hunter in the Koblenz area. He specialises in human-environment-relationships and human-animal-relationships in different cultures and societies.

However, if these original hunting experiences are really so difficult to put into words, there is a great challenge for every scholar: How do I get access to them? Can I just ask hunters about it? Or is it enough to analyze hunting literature or the hunting media? Anthropology has always had an alternative answer to this problem: we want to understand through participant observation. Observations and reflections from the seemingly objective distance give us perspectives of an outsider. The inner perspective, on the other hand, is only opened up to us by the fact that we ourselves – with our own bodies, with our own senses – have participated in the practice and have experienced hunting. This creates a shared experience that can be the basis for understanding. As an anthropologist, I have to immerse myself in the world of hunting in the sense of a sensuous scholarship or sensual apprenticeship in which I myself learn to become a hunter.

Since winter 2014 I have been learning the hunter’s craft. In the spring of 2016 I passed my hunter’s examination. Since May 2016 I go hunting myself….