Eine Unruhe im Gewissen angesichts des Todes I

Auf den Seiten seines Buches sehen wir, daß Graf Yebes mehr als einmal, mit einem wunderbaren Stück Wild im Schußfeld, zögert abzudrücken. Der Gedanke, daß jenes so anmutige Leben ausgelöscht werden soll, kommt für einen Augenblick über ihn. Zum guten Jäger gehört eine Unruhe im Gewissen angesichts des Todes, den er dem bezaubernden Tier bringt.

Was der Philosoph Ortega y Gasset hier in seinen ‚Meditationen über die Jagd‘ ([1944] 1985) schlussfolgert ist Ausgangspunkt für die folgende Beschreibung meiner eigenen Erfahrungen auf dem Weg zum ersten Schuss. Obwohl diese Erfahrungen einmalige Ereignisse darstellen und den individuellen Charakter meiner eigenen Einstellungen tragen, kann man in ihnen auch Themen erkennen, die die meisten Jäger betreffen. Denn die Erfahrungen sind geprägt durch den Rahmen der kulturell akzeptierten ‚waidgerechten‘ Jagdpraktiken, in denen sie entstanden sind.

Anfang Mai 2016. Es ist der Beginn der diesjährigen Jagdsaison und der Auftakt für meinen ersten Auftritt als Jäger nachdem ich zwei Monate zuvor meine Prüfungen abgelegt hatte. Heute Abend ist ein Gemeinschaftsansitz geplant. Mehr als ein Dutzend Jäger und jagende Förster versammeln sich am Holzlagerplatz in der Nähe meines Reviers im Winninger Hinterwald. Nach und nach wird abgesprochen, wer auf welchen Ansitz, in welches Revier, geht. Ich warte die Diskussion ab und bin gespannt, wo ich hin soll. R. – vom Forstamt, der die Jagd heute organisiert – fragt W., der mit seiner jungen Steirischen Bracke kam, ob ich bei ihm mit könne. Die Gruppe löst sich auf und die anderen Jäger fahren in unterschiedliche Richtungen davon.

Ich fahre W. hinterher, nach Lehmen (wie es sich herausstellt), an wunderschönen Buchenmischwäldern und Wiesen vorbei, alles blüht, mit Ausblick auf die Mosel und die Eifel. Irgendwo im Revier angekommen, steigen wir aus. Das Wetter ist noch warm und sonnig. Ich trage T-Shirt und es scheint mild, doch vorsichtshalber packe ich zwei Fleecejacken für später in meinen jetzt vollgestopften Rucksack, den ich aufziehe und das Gewehr drüber schultere. Zum ersten Mal also laufe ich durch den Wald wie ein richtiger Jäger, denke ich mir. Das liegt an der geschulterten Büchse. Ist schon seltsam, aber mir gefällt es dennoch. Ich folge W. und seinem Hund, immer noch nicht ganz sicher, wo wir eigentlich hingehen und ich jagen soll. Wir gehen einen Feldweg entlang, über eine Wiese umgeben von Wäldern, bis W. abrupt ein Handzeichen zum Stehenbleiben gibt.

„Was ist das?“ fragt er leise in meine Richtung und zeigt auf eine Stelle weiter vorne auf der Wiese. Nicht weiter als fünfzig Meter entfernt steht doch da tatsächlich ein Reh direkt vor uns.

„Glas?“

„Ist im Rucksack.“

„Dann nimm das da“, antwortet er und deutet auf das Zielfernrohr auf der Büchse.

„Ansprechen!“

Ich knie mich hin, nehme meine Büchse und lege an. Durch das Zielfernrohr kann ich das Gehörn auf dem Kopf sehen. „Das ist ein Bock.“

„Wir gehen außen rum“, sagt W. leise, aber nun voller Entschlossenheit. Ich folge ihm hinter ein Wäldchen, außer Sichtweite des Bocks, wo ich meine Waffe laden soll. Ich knie mich wieder hin – nun etwas nervös -, nehme die Waffe in die Hand, schiebe die erste Patrone in den Lauf und versuche die Zweite ins Magazin zu drücken. Doch irgendetwas klemmt und ich bekomme sie einfach nicht rein. Wie peinlich! Ich komme mir etwas inkompetent vor und muss W. bitten, sich das anzuschauen. W. nimmt die Waffe in die Hand und nach kurzem Rumpfriemeln drückt er mit etwas mehr Gewalt die Patrone rein, gibt mir die Waffe zurück und wir gehen weiter. Nach wenigen Metern sehe ich eine geschlossene Kanzel und einen kurzen Pirschweg durch ein Gebüsch dorthin.

„Wir sind jetzt auf der anderen Seite der Wiese. Geh hoch und schau, ob er noch da ist. Wenn ja, lässt du ihn nicht mehr gehen!“

Ich nicke ihm nochmal zum Abschied lächelnd zu und versuche so leise wie möglich den Pirschweg entlang und dann auf die Leiter zu klettern. Oben angekommen, öffne ich vorsichtig die knarrende Tür, drinnen dann vorsichtig die knarrenden Fensterläden und luge raus. Mein Puls schlägt hoch, ich bin nervös, ich bin noch nicht bereit, das geht alles zu schnell. Die Jagd sollte doch erst später beginnen, wenn ich mich auf dem Ansitz eingerichtet habe und eine Zeit des Wartens vergangen ist und ich mich vorbereitet fühle. Doch das hilft nichts: jetzt ist es soweit.

Doch die Wiese ist leer. Ich lehne mich etwas aus dem einen, dann aus dem anderen Fenster, schaue rechts, schaue links. Der Bock ist nirgends mehr zu sehen. Vielleicht war ich zu laut, mutmaße ich. Da taucht W. auf dem Pirschweg auf und will wissen, was los ist. Ich schüttle den Kopf und rufe leise zu ihm „Weg.“ W. meint, der kommt bestimmt wieder, ich solle abwarten.

Als er gegangen ist, richte ich mich auf der Kanzel ein: wo sitze ich am besten? In welche Richtung, durch welches Fenster schaue ich? Wo stelle ich mein Rucksack hin, damit er nicht stört? Was soll ich rausholen? Brauche ich mein Glas? Meine Wasserflasche? Ich merke etwas, was mir vorher noch nie aufgefallen war: so eine Kanzel ist nicht besonders groß, wenn man ein Gewehr hantiert. Es ist gar nicht so leicht, die Waffe zu positionieren ohne gegen Holz zu stoßen und damit meine Präsenz an alle Tiere im Umkreis zu verkünden. Ich halte die Waffe aus dem wiesenzugewandten Fenster, lege den Schaft auf dem Fensterrahmen ab und überprüfe die Einstellungen auf dem Zielfernrohr. Welche Vergrößerung ist sinnvoll hier? Funktioniert der Leuchtpunkt? Ist die Waffe wirklich entspannt? Lieber zweimal prüfen.

Und was ist das da oben in der Ecke? Ein tischtennisballgroßes Wespennest und ein halbes Dutzend Wespen, die summend drum herum fliegen, über meinen Kopf, durchs Fenster raus, durchs andere wieder rein, eine sucht etwas in der Ecke am Boden, eine andere schabt hörbar am Holz an der Wand. Da bin ich sowieso etwas nervös wegen der Jagd und dann müssen auch noch Wespen mich umkreisen. Als ob ich nicht schon gefordert genug wäre! Ich versuche ruhig zu bleiben beziehungsweise zu werden und weiter Ausschau nach dem Bock zu halten. Die Zeit vergeht, doch nichts tut sich. Meine innere Unruhe bleibt und die Wespen summen weiter.

Da! Da ist doch was! Für einen kurzen Moment sehe ich nur noch ein Reh im Gebüsch verschwinden. Mist, das muss irgendwo auf der Wiese gestanden haben und ich habe es nicht gesehen. Zu viele ‚blind spots‘ in der geschlossenen Kanzel. Also schaue ich wieder herum. Durch das erste Fenster, das zweite. Ich öffne die Tür und schaue auch da raus auf die Nachbarwiese. Was für eine schöne Aussicht. Ich sehe das Moseltal, die Hügel der Eifel dahinter im Licht der Abendsonne. Ich ertappe mich in den nächsten Minuten öfter dabei, dass ich meine konzentrierte Ausschau nach dem Bock immer wieder zugunsten der schönen Landschaft unterbreche. Ich bemerke auch, dass es anstrengend ist, sich kontinuierlich den Hals in alle Richtungen zu verrenken als die erste, dann die zweite Stunde vergeht. Mein Rücken macht sich auch bemerkbar nach zwei Stunden sitzen und ich rutsche nun öfter hin und her oder strecke die Beine. Und immer noch nichts zu sehen. Und immer noch summen die Wespen um mich herum.

In der Ferne nähert sich ein Hubschrauber und scheint direkt auf mich zu zukommen. Er fliegt lärmend über die Kanzel und beginnt über das Gebiet zu kreisen. Der verscheucht das ganze Wild, verdammt! Wieso zieht er nicht ab? Der Hubschrauber kreist und kreist und Minuten vergehen. Ich werde unruhiger. Das gibt’s doch nicht. Es wird so langsam spät und beginne zu zweifeln, ob jetzt überhaupt noch was kommt. Schließlich fliegt der Hubschrauber weiter und Ruhe kehrt wieder ein. Ich versuche die schöne Abendstimmung wieder zu genießen, erfreue mich am Ausblick und irgendwie merke ich, wie langsam in mir der seltsame Wunsch stärker wird, es möge jetzt nichts mehr passieren in den letzten Minuten. Innerlich scheine ich schon mit dem Nicht-Erfolg meines ersten Jagdtages abgeschlossen zu haben.

Ich halte dennoch weiter Ausschau, bis zur letzten Minute, bis ich denke, es ist zu dunkel geworden. Ich schaue immer wieder durch das Zielfernrohr, um zu überprüfen, wie viel ich noch sehen kann in der Dämmerung. Irgendwann entschließe ich mich einzupacken…und bin gar nicht so unglücklich über meinen Misserfolg.

Rückblickend muss ich mir eingestehen, dass ich noch nicht bereit war. Es ist schwer zu greifen, wieso ich solche Probleme hatte. Ich vermute, ich hatte für mich noch nicht wirklich geklärt, dass ich wirklich zum Töten gekommen war und dass es mir damit ernst sein muss…